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Freitag, 28. Dezember 2012

REZENSION: "Das Schweigen des Sammlers" von Jaume Cabré

Dass "Das Schweigen des Sammlers" ein besonderes Buch ist, habe ich von Anfang an gewusst.
Auch, dass ich es unbedingt lesen muß....
Das Cover zog mich magisch an, und ein erster Blick ins Buch bestätigte meine Vermutung, dass es sich um keine ganz einfache Lektüre handeln würde.
Allein die Handlung des Buches in ein paar Sätzen wiederzugeben, scheint fast unmöglich...

Es erzählt von den Abgründen der menschlichen Seele, aber auch von einer tiefen Freundschaft.
Wir erfahren die Geschichte eines ganzen Lebens.
Die Geschichte des Adrià Ardèvol, der in Barcelona aufwächst und schon als Junge fasziniert ist von Wissen, Sprachen und den Antiquitäten, die sein Vater Fèlix leidenschaftlich sammelt. Besonders eine wertvolle Geige aus dem 18. Jahrhundert hat es ihm angetan, und noch ahnt er nicht, dass ihn diese Geige und das Geheimnis ihrer Herkunft  sein ganzes Leben begleiten wird...

Und so ist  "Das Schweigen des Sammlers" nicht nur die facettenreiche Geschichte Adriàs, dessen ganz eigene Persönlichkeit den Leser zu seinem Verbündeten macht, sowohl schon im Kindes- als auch im Erwachsenenalter, unbeeindruckt von seinen zuweilen auch dunklen Seiten...

Es ist ebenso die Geschichte von 'Vial', dieser kostbaren alten Geige.
Einer Storioni, deren Entstehung wir mit dem Setzen des Samenkornes für den Baum, der schließlich das Holz für ihre Herstellung liefert, mitverfolgen können.

Auf faszinierende Weise verbindet Cabré diese beiden Geschichten, sogar über Jahrhunderte hinweg, so dass man als Leser aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.
"Der Zufall ist alles: Oder vielleicht ist nichts zufällig, sondern alles vorgezeichnet..." (Seite 828)

Auch wenn man sich zunächst durch die Erzählweise des Autors sehr verunsichert fühlt, denn es erfolgen irritierende Wechsel zwischen der ersten und der dritten Person sowie abrupte Szenenwechsel, die anfangs sehr verwirren.

So finden wir uns plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, neben der Haupthandlung in unzähligen kleinen Geschichten aus verschiedenen Epochen wieder, wobei jedoch jede für sich extrem fesselt...
Und schon bald erkennt der Leser die Zusammenhänge (oder glaubt es zumindest...) - und das begnadete Können Cabrés...
"Die historischen Ereignisse sind nun mal die Erklärung für das heutige Geschehen..." (Seite 354)
Davon abgesehen ist Cabrés Sprache schön und poetisch, passend zu dieser genialen Geschichte, die uns Leser gefühlvoll, berührend, aber auch humorvoll mit einer enormen Sogwirkung in ihren Bann  zieht.

Mit Bernat, dem lebenslangen Freund Adriàs und Sara, seiner großen Liebe, lernen wir zwei weitere sehr starke und prägende Charaktere kennen, die, wie alle Figuren in diesem Buch, vor dem Auge des Lesers regelrecht zum Leben erwachen.

Ich war unglaublich beeindruckt nach Beendigung dieses Buches, und mit den Erkenntnissen der letzten von insgesamt doch beachtlichen 840 Seiten verspürte ich sofort den Wunsch, diesen Roman noch einmal zu lesen.
Es ist ein Kunstwerk von einem Schriftsteller, der nicht nur mit Worten jonglieren kann, sondern auch in die Seele der Menschen zu blicken vermag.
Die hervorragende Übersetzung von Kirsten Brandt und Petra Zickmann tut das Übrige und verdient ebenfalls den größten Respekt!

"Das Schweigen des Sammlers" ist das ungewöhnlichste und beste Buch, das ich seit langem gelesen habe.

Kurz und knapp:
 Intelligent, faszinierend, ...überwältigend!


Aenna                                 




Samstag, 6. Oktober 2012

REZENSION: "Der Wald wirft schwarze Schatten" von Kari Braenne

Evelyn steht kurz vor ihrem 85. Geburtstag.
Sie merkt, dass ihre Kräfte sie allmählich verlassen und will reinen Tisch machen, bevor der Tod sie ereilt.
Deshalb bittet die alte Frau ihren in Amerika lebenden Sohn Wilhelm, zu ihrem Geburtstag zu kommen.
30 Jahre ist es her, seit sie sich zuletzt gesehen haben....

Auch der Schauspieler Robert, den sie für ihren Enkel hält, bekommt eine Einladung, zusammen mit einem alten Schlüssel und einer mysteriösen Landkarte.
Doch das Schicksal hat andere Wege geplant, denn nicht nur Evelyn hütet ein Geheimnis...


Ich habe schon oft festgestellt, dass die Bücher, bei denen man anfangs noch nicht so recht weiß, was man von ihnen halten soll, sich schließlich als wahre Schätze entpuppen...
Und genau so ein Schatz ist "Der Wald wirft schwarze Schatten" von der norwegischen Schriftstellerin Kari Braenne.

Meine anfänglich gemischten Gefühle hängen sicherlich damit zusammen, daß ich ganz andere Erwartungen an das Buch hatte.
Betrachtet man sich das düstere und geheimnisvolle Cover und den Buchtitel, geht man davon aus, einen Thriller vor sich zu haben.
Zu lesen bekommt man die Geschichte einer Familie, die aber letztendlich ebenso nervenaufreibend und spannend ist.

Was anfangs noch recht verwirrend beginnt, entschlüsselt sich nach und nach zu einer faszinierenden Geschichte, die ihre Leser vollkommen in ihren Bann zieht.
Eine schöne Sprache, eine hervorragend konstruierte Handlung und perfekt entwickelte Charaktere sorgen für eine enorme Sogwirkung, die nur ganz besonderen Büchern vorbehalten ist...
Eine literarische Meisterleistung der Autorin!

Kari Braenne versteht es vorzüglich, einfühlsam in die Rollen der einzelnen Protagonisten zu schlüpfen und diese ihren Lesern überaus glaubhaft nahe zu bringen, egal, ob es sich um die Greisin Evelyn oder Lukas,  einen kleinen Jungen, handelt.
Diese Glaubwürdigkeit der einzelnen Darsteller hat mich ganz besonders beeindruckt.

Braenne erzählt aus den unterschiedlichen Blickwinkeln und deckt so, Kapitel für Kapitel, eine unfassbare Tragödie auf.
Dabei schafft sie es, eine enorme Spannung aufzubauen, die sich ständig steigert, bis sich die Geschichte zum Schluß zusammenfügt.

Trotz ihrer fast poetischen Sprache hat Braenne aber keine Hemmungen, auch die furchtbaren Dinge ohne Umschweife beim Namen zu nennen oder zwischen den Zeilen anzudeuten, um sie in der Phantasie ihrer Leser Wirklichkeit werden zu lassen.
Wir werden nicht verschont von Brutalität und Grausamkeiten, die jedoch ganz nüchtern und ohne Ausschmückungen erzählt werden...

Dieser ganz persönliche Stil der Autorin hat mir sehr gut gefallen.
Ich habe eine großartige, wenn auch verstörende Geschichte gelesen, die mich nachhaltig berührt hat!

Kurz und Knapp:
Spannendes Drama mit Sogwirkung!


Aenna                              

Dienstag, 26. Juni 2012

REZENSION: "Das Alphabethaus" von Jussi Adler-Olsen

Die englischen Piloten Bryan und James, unzertrennliche Freunde von Kindesbeinen an, werden bei einem gefährlichen Kriegseinsatz im Jahre 1944 über Deutschland abgeschossen.
Mit letzter Kraft gelingt es ihnen, ihr Leben zu retten.
Sie gelangen schliesslich in das sogenannte Alphabethaus, ein Lazarett, in dem hochrangige deutsche, geistig gestörte Kriegsopfer behandelt werden.
Nur, wenn auch sie sich als Solche ausgeben, haben sie eine Chance, zu überleben.
Aber sind wirklich alle anderen Patienten echt? Oder gibt es noch weitere Simulanten?
Ein Katz-und Mausspiel beginnt....
....welches fast 30 Jahre später eine Fortsetzung erfahren soll!


Der Filmproduzent Just Beter schreibt über dieses Buch: "Der beste Film, den ich je gelesen habe!"

Und damit spricht er mir aus der Seele!

Jussi Adler-Olsen legt mit seinem allerersten Roman überhaupt ein Meisterwerk seiner Erzählkunst vor, auch wenn er damit nicht die Erwartungen der meisten seiner zahlreichen Fans der Carl-Morck-Serie zu erfüllen scheint.
Mit "Das Alphabethaus" zeigt Adler-Olsen eine ganz andere Seite seines Könnens, die mir persönlich aber sehr gut gefallen hat.

In wie von ihm gewohnt sehr anschaulichem und flüssigem Stil erzählt der Autor vom Schicksal der beiden Freunde Bryan und James, die unvorstellbare Dinge erleben und erleiden müssen, um zu überleben.
Dabei entführt er seine Leser in das Grauen des Zweiten Weltkrieges, das man sich genau so vorstellen kann, so erschreckend die Ausführungen hierüber auch sind...

Insbesondere der Umgang mit psychisch oder geistig Erkrankten in dieser Zeit wird dem Leser recht deutlich vermittelt, was dem Autor als Sohn eines Psychaters sehr gut gelingt.
Sehr feinfühlig und behutsam geht er dabei mit seinen Protagonisten um und zeigt uns die Menschen hinter den Masken.

Auch im zweiten Teil des Romans, der im Jahre 1972 beginnt, lässt er uns quasi neben seinen Hauptcharakteren herlaufen und deren Aufarbeitung ihrer schrecklichen Vergangenheit hautnah miterleben. Dabei schildert Adler-Olsen ihre Emotionen und Ängste so deutlich, dass es für den Leser fast schon beklemmend ist...

Aber wie Adler-Olsen selber sagt, ist das Alphabethaus kein Kriegsroman.
Vielmehr beschreibt es die Wege einer Freundschaft, und das für den Leser sehr eindringlich und geradezu fühlbar.

Auch kann man dieses Buch nicht als Thriller im herkömmlichen Sinne bezeichnen, trotzdem sieht sich der Leser während der gesamten Lektüre einer unglaublichen Spannung ausgesetzt.

Einmal angefangen, war ich kaum in der Lage, dieses Buch aus der Hand zu legen.
Ich sah mich vollkommen gefangen in einer Geschichte, die sicher für den einen oder anderen Menschen auch ein Stück Wirklichkeit bedeuten mag...

"Das Alphabethaus" ist ein grossartiger Roman und tatsächlich auch für mich "ein gelesener Film"...


Aenna                    

Donnerstag, 21. Juni 2012

REZENSION: "Die Schmetterlingsinsel" von Corina Bomann

Als ihre geliebte Großtante Emmely in England stirbt, tritt die Berliner Anwältin Diana Wagenbach ein schweres Erbe an.
Sie als letzte Nachfahrin der Tremaynes soll ein lang gehütetes Familiengeheimnis ergründen.
Ein alter Brief soll ihr erster Anhalt sein, welcher sie schließlich von "Tremayne House"der Gegenwart bis in das Jahr 1887 ins damalige Ceylon zurückführt.
So folgt Diana den Spuren ihrer Ururgroßmutter Grace, deren Wege sich irgendwann von ihrer Familie getrennt haben...
Was ist damals passiert? Und warum wurde so lange geschwiegen?

Das Buch "Die Schmetterlingsinsel" von Corina Bomann fällt zunächst durch seine aufwändige Gestaltung regelrecht ins Auge.
Der Buchschnitt ist mit pinken Schmetterlingen und Orchideen bedruckt, die Vorsatzseite ist dunkelpinkfarben, alles sehr stimmig auch mit der Covergestaltung.
Dieses Buch muss man in der Buchhandlung erst einmal in die Hand nehmen....

Auch die Geschichte selbst zog mich gleich in ihren Bann.
Ich liebe ja Familiengeschichten, und wenn sie auf verschiedenen Zeitebenen spielen, erst recht.

So erzählt uns auch Corina Bomann im Wechsel mit den Kapiteln zwei Geschichten, einmal die von Diana in der Gegenwart, zum anderen die der Schwestern Victoria und Grace im Jahr 1887.
Dabei zeichnet sie Charaktere und Schauplätze so gut, dass vor des Lesers Auge ein kleiner Film abläuft.
Sowohl die Atmosphäre des alten Herrenhauses als auch die prächtige Kulisse Sri Lankas werden uns sehr gut vermittelt.

"Die Schmetterlingsinsel" erzählt eine Geschichte, die zunächst durchaus fesselt, im weiteren Verlauf jedoch immer oberflächlicher wird.
Einige Passagen waren mir persönlich zu trivial und erinnerten eher an einen Kitschroman, einige Umstände fügten sich letztendlich gar zu gut in die Geschichte ein und wirken daher unglaubwürdig, anderes wird wieder allzu schnell abgehandelt.
Das finde ich wirklich sehr schade...
Ich hatte nach der letzten Seite das Gefühl, dass die Autorin ihrer eigenen, wirklich tollen Idee nicht gerecht geworden ist.

Wer also eine Lektüre mit Anspruch sucht, sollte sich hier eher zurückhalten.
Wer aber lediglich gut unterhalten werden will, ist mit der Schmetterlingsinsel gut bedient.

Aenna                                   

Sonntag, 1. April 2012

REZENSION: "Das geheime Prinzip der Liebe" von Hélène Grémillon

Nach dem Unfalltod ihrer Mutter findet Camille unter den Kondolenzschreiben einen merkwürdigen Brief, der keine Unterschrift trägt.
In ihm liest sie über die Freundschaft der jungen Malerin Annie zu der wohlhabenden Madame M., die ihre Malerei großzügig mit Farben und Leinwänden unterstützt.
Aus Dankbarkeit erklärt sich Annie 1939 bereit, für ihre unfruchtbare Freundin ein Kind auszutragen....

Camille glaubt zunächst, dass sich der Verfasser des Briefes in der Adresse geirrt haben muß, aber jede Woche erhält sie eine Fortsetzung des Schreibens, die sie schon bald mit Spannung erwartet.
Denn je mehr Camille über Annies Schicksal erfährt, um so mehr erhärtet sich ihr Verdacht, dass es mit ihrem Eigenen verknüpft ist....

"Es gibt Menschen, die denken, sie werden sterben, wenn ihr Unzertrennliches verschwindet. Aber ich habe schon immer gewusst, dass man dieses Glück nicht hat." (Seite 138)

Mit ihrem Buch  "Das geheime Prinzip der Liebe" stellt uns die Französin Hélène Grémillon ihr beeindruckendes schriftstellerisches Debüt vor.
Sie überzeugt mit einer wundervollen Sprache, deren Poesie und Klarheit den Leser bereits mit dem Lesen der ersten Seiten in ihren Bann zieht.

Die Geschichte, die sie uns erzählt, tut das Übrige dazu.
Es ist schier unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen, bevor man nicht weiß, was das Schicksal für Annie vorgesehen hat, das uns aus unterschiedlichen Perspektiven nahe gebracht wird.

Der geheimnisvolle Briefeschreiber, Annie selbst sowie auch Madame M. kommen zu Wort, legen schonungslos und berührend ihre Gefühle dar, konfrontieren und verstören mit ihrem zuweilen erschreckenden Innersten und erreichen somit eine große Nähe zum Leser, dem bei der Lektüre vieles klar wird....und vieles auch nicht!

Denn diese  Geschichte ist nicht zu Ende, wenn das Buch ausgelesen ist.
Sie lädt vielmehr zum Nachdenken ein, erweckt den Wunsch, alles noch einmal mit den neuen Erkenntnissen zu lesen...
Sie lässt uns Leser genauso zurück, wie sie Camille zurückgelassen haben muss...

Ich habe "Das geheime Prinzip der Liebe" in einem Rutsch durchgelesen und bin begeistert!
Das war wirklich Literatur vom Feinsten!
Bleibt zu hoffen, dass wir von der Autorin Hélène Grémillon in naher Zukunft noch viel zu lesen bekommen werden...

Aenna                                

Dienstag, 27. März 2012

REZENSION: "Das Haus zur besonderen Verwendung" von John Boyne

Als der 16jährige Georgi im Jahre 1915 ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie verhindert, ändert sich sein ganzes Leben.
Der aus sehr einfachen Verhältnissen stammende Junge ist plötzlich Mitglied in der Leibgarde des Zaren, um als Aufpasser für Alexei, dessen einzigen Sohn , zu fungieren.
Der Junge wächst ihm schnell ans Herz, und nicht nur er...
Auch an Anastasia, der jüngsten der vier Zarentöchter, findet er Gefallen.
Die beiden verlieben sich ineinander, halten ihre Liebe aber wohlweislich geheim.
Als jedoch 1917 Unruhen im russischen Reich auftreten, die zum Sturz des Zaren führen, trennen sich Georgis und Anastasias Wege....

Auch wenn ich "Der Junge im gestreiften Pyjama" als einen der beeindruckendsten Filme empfinde, den ich je gesehen habe, habe ich den irischen Autor John Boyne, aus dessen Feder das Buch dazu stammt, bisher als Schriftsteller nicht wahrgenommen.

Das tut mir leid. Sehr sogar, denn vorliegendes Buch desselbigen Autors
 "Das Haus zur besonderen Verwendung" ist auch eines der schönsten Bücher, das ich je gelesen habe....

John Boyne lässt Georgi selbst seine Geschichte erzählen, in zwei Erzählsträngen, die sich Kapitel für Kapitel abwechseln.
So lernen wir den jugendlichen Georgi kennen, den Bauernsohn, der mit 16 Jahren aus seinem Dorf Kaschin nach St. Petersburg und an den Hof des Zaren Nikolaus II. kommt.
Er berichtet von seinen Erlebnissen, seiner Liebe zur schönen Zarentochter Anastasia und auch seinen dunklen Seiten, die er nicht verleugnet...

Der Georgi der Gegenwart, mittlerweile 82 Jahre alt, bangt um seine Frau Soja, die im Sterben liegt.
Er lässt sein Leben vor unseren Augen Revue passieren und geht mit jedem Kapitel weiter in der Zeit zurück.
Schließlich treffen sich beide Geschichten und der Kreis schließt sich...

Der Aufbau des Buches in dieser Form ist absolut genial, und ich bewundere den Autor für diese Kunst!
Boyne schreibt ruhig, aber dennoch eindringlich in einer schönen Sprache, die den Leser einfach nur mitreißt.
Aber auch die Geschichte selbst übt einen starken Sog aus, berührt.
Sie lässt den Leser in sich eintauchen, aber mit Beenden der letzten Seite noch lange nicht wieder los.
Es ist nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Anastasia und Georgi, sondern auch die geschichtlichen Hintergründe und das Schicksal der letzten russischen Zarenfamilie, die ganz sicher hierzu beitragen.

John Boyne hat starke Charaktere erschaffen, ganz nah ist uns natürlich Georgi, den wir die ganze Zeit begleiten, und der uns sein Leben, aber auch sein Leiden offenbart.

"Das Haus zur besonderen Verwendung" ist ein Buch, bei dem man sich wünscht, es möge nie zu Ende gehen.
Es ist ein Meisterwerk, das John Boyne da geschaffen hat...ein Autor, den ich ganz sicher nicht mehr aus den Augen verlieren werden...


Aenna                                      

Mittwoch, 12. Oktober 2011

REZENSION: "Sterneneis" von Kristín Marja Baldursdóttir

Gunnur ist eine Frau in den Fünfzigern, von Beruf Psychiaterin.
Eines nachts wird in ihr Haus eingebrochen, was sie erst morgens nach dem Aufwachen bemerkt.
Die Vorstellung, im Schlaf von fremden Menschen beobachtet worden zu sein, schreckt sie dermaßen, dass sie in ihr Ferienhaus flieht.
Aber nicht allein!
Ihre Architektin drängt ihr die Betreuung ihrer Tochter Hugrún über das Wochenende auf, so nimmt Gunnur das aufsässige Mädchen mit.
Doch was soll sie mit der ihr fremden 14-jährigen anfangen?

Gunnur "reist" in die Vergangenheit und fängt das "Reh", wie sie Hugrún nennt, mit ihren Kindheitserinnerungen ein.

Meine Gefühle für "Sterneneis" schwankten bei der Lektüre des Buches beträchtlich...
Auf der einen Seite überzeugt die isländische Autorin Kristín Marja Baldursdóttir mit schönen Landschaftsbeschreibungen und mitreißenden Passagen, wenn sie Gunnur aus ihrem Leben erzählen lässt.
Dadurch, dass sie von sich in der dritten Person erzählt, lief vor meinen Augen ein kleiner Film ab, ich sah die "junge" Gunnur in ihren verschiedenen Lebensphasen ganz genau....

Andererseits schafft es die Autorin leider nicht, mich ihren Protagonistinnen der Gegenwart nahe zu bringen.
Das Verhalten Hugrúns empfand ich als unverhältnismäßig unverschämt und deshalb fast unglaubwürdig.
Ihre Sicht auf die Dinge wird weitgehend vernachlässigt und bleibt der Vorstellungskraft des Lesers überlassen.
Die Persönlichkeit der "alten" Gunnur blieb für mich eher undurchschaubar und auch unvollständig dargestellt.
Meine Vorstellung von beiden Frauen wurde teilweise abrupt durch den Text korrigiert, so dass sich mir des öfteren die Frage stellte, ob die Übersetzung evtl. nicht ganz glücklich gewählt wurde...
Ich hatte z.B. den Eindruck, dass die Autorin ihre Hauptprotagonistin  mit etwas mehr Humor gesehen hat...(?)

"Sterneneis" ist eine Geschichte über das Zusammentreffen und die Annäherung zweier problembehafteter Charaktere aus unterschiedlichen Generationen.
Eine wirklich gute Idee, wie ich finde. Doch leider hat mich die Lektüre des Buches mehr verwirrt als überzeugt.
Statt einer "runden" Geschichte sieht sich der Leser hier eher mit einer Vielzahl an Denkanstößen konfrontiert, ich hatte das Gefühl, ständig selber "analysieren" und Hintergründe suchen zu müssen....

Vielleicht lag ja genau das in der Absicht der Autorin, mir persönlich hat dieser Stil leider nicht so gut gefallen.  

Aenna                                  

Montag, 5. September 2011

REZENSION: "Die Farben der Grausamkeit" von Joseph Zoderer

Der Journalist Richard hat Alles. Eigentlich.
Er hat einen Beruf, der ihn ausfüllt, und eine Familie...
Da ist Selma, seine Frau, mit der ihn eine tiefe Liebe verbindet. Nicht zu vergessen die beiden Söhne Rik und Tom, die aus dieser Liebe hervorgehen.
Eine Bilderbuchfamilie.... Eigentlich.
Denn in Richards Leben gibt es auch noch Ursula. Und auch die liebt er, seit Jahren schon. Trotzdem erfolgt irgendwann die Trennung.
Um Ursula zu vergessen und sein Leben in Ordnung zu bringen, kauft Richard ein altes Bauernhaus hoch oben in den Bergen, das er gemeinsam mit Selma restauriert.
Doch er kann nichts tun gegen seine Sehnsucht, kann einfach nicht aufhören, zwei Frauen zu lieben...

Ich bin mit gewissen Vorurteilen an dieses Buch "Die Farben der Grausamkeit" von Joseph Zoderer herangegangen, ich gebe es zu.
Ich hatte gerade ein paar Seiten gelesen, da wurde ich gefragt, wovon das Buch denn handeln würde. "Von einem Mistkerl, der sogar noch dann seine Geliebte vö..., als seine Frau im Krankenhaus sein Kind entbunden hat", antwortete ich.
Meine Sympathie für Zoderers Protagonisten Richard war nicht gerade überwältigend...
Dazu kommt die Schreibweise des Autors, dieser eigentümliche Stil, der fast gänzlich ohne wörtliche Rede auskommt. Schwierig zu lesen...
Fast missmutig war ich auf einen Kampf durch 335 Seiten gefasst...

Aber es kam ganz anders. Ich verlor mich in dieser Geschichte.
Ich versank in der Poesie des Geschriebenen, die für mich ganz neu war und anfangs so ungewohnt.
Ständig las ich diese besonderen Sätze, Wörter.., wollte mir Marker ins Buch kleben. Das ganze Buch wäre voll davon, wenn ich es nicht irgendwann aufgegeben hätte...
Da ist die Rede von "sommersüß" schmeckenden Kirschen, die zudem noch "nachtklebrig" sind, von "Weihnachtsbaumäpfeln"...
Da liest man Sätze wie: "....Ursula war ihm wie eine kleine Blütenstaubwolke zugeflogen..." ( Seite 22) oder: "...Es tat ihm gut, ihre Lippen wieder als eine Heimschwelle zu spüren..." ( Seite 42)

Zoderer hat eine einmalige Gabe, die Dinge zu beschreiben.
Ich sah den Berghof vor meinen Augen, die alten Obstbäume, die spielenden Kinder, den rauschenden Wald....
Aber nicht nur das Optische versteht der Autor zu vermitteln, sondern vor allen Dingen die Gefühle, das Innerste von Richard.
Seine Zerrissenheit, seine Sehnsucht, seine Folter.
Vieles bleibt aber auch ungesagt oder wird nur angedeutet, so dass genug Raum bleibt für eigene Gedanken, die sich in meinem Fall viel um Richards Frau Selma drehten...
"....Wahrscheinlich hielt sie sich für die Stärkere - und trotzdem sagte sie nicht: Ich weiß, daß du eine andere liebst...."
"Vielleicht liebte sie ihn, weil sie seine Unruhe liebte, die sie fürchtete." (Seite 94)
Und um die Frage, ob so etwas überhaupt möglich ist...Kann man zwei Menschen gleichzeitig auf diese Weise  lieben?

Mehrfach fragte ich mich, wie man denn so schreiben kann, ohne das Ganze womöglich selbst erlebt zu haben?
Ich hatte das Gefühl, eine wahre Geschichte zu lesen, zumal auch der zeitliche Rahmen durch die politischen Ereignisse um den Mauerfall genau festgesetzt ist.

Ich war gespannt, wie das Buch ausgeht, wie Richard sich letztendlich entscheidet, zumal ich selbst kaum in der Lage war, meine Entscheidung zu treffen....

Als ich nach Ende des Buches erneut gefragt wurde, wovon es denn gehandelt hätte, antwortete ich:
"Von einem Mann, der einem tiefen, inneren Konflikt ausgesetzt ist, weil er nur ein Leben hat....in dem ihm aber zeitgleich zwei große Lieben begegnen...."

Aenna                                 


Joseph Zoderer ist auf Lesetour.
Die Termine findet Ihr  hier

Sonntag, 21. August 2011

REZENSION: "Tiger, Tiger" von Margaux Fragoso

Margaux ist sieben, als sie Peter zum ersten Mal trifft.
"Kann ich mit Dir spielen?" fragt sie ihn, nicht ahnend, dass diese Frage ihr ganzes Leben verändern soll.
Denn Peter Curran ist 51 Jahre alt und hat eine Vorliebe für kleine Mädchen.
Und er hat leichtes Spiel, Margaux für sich einzunehmen, kommt sie doch aus schwierigen Familienverhältnissen mit einem Vater, den sie fürchtet und einer psychisch labilen Mutter.
So wird Peters Haus mit den vielen Tieren für das kleine Mädchen zu einem Paradies auf Erden, und Peter, der alles mitmacht und vor Einfallsreichtum sprüht, der beste Spielkamerad.
Die zunächst spielerischen, sexuellen Übergriffe bleiben unbemerkt...
Margaux wird zu Peters Obsession.
IDADULDFI  bedeutet: "Ich Denke An Dich Und Liebe Dich Für Immer" und steht unter jedem Brief, den Margaux von Peter bekommt... 15 Jahre lang,...jeden Tag.

Margaux Fragoso hat alles aufgeschrieben. Ihr ganzes Leben, das eigentlich noch so jung ist, aber in dem schon so viel passiert ist. So viel Unglaubliches, so viel Leid.
"Tiger, Tiger" ist das schockierende Portrait eines Pädophilen, geschrieben mit der Feder seines Opfers.
Und dieses Opfer beschreibt keinesfalls ein Monster, nein, es erzählt von einem netten und charmanten Mann, einer Vaterfigur, die zu ihr hält, sich um sie sorgt.
Wir lesen die Gedanken und Worte eines kleinen Mädchens, das uns... eine Liebesgeschichte erzählt.
Eine Liebesgeschichte...?
Mein Innerstes wehrt sich gegen diesen Begriff. Kann das denn sein? Es kann.
Wir werden Zeuge des sog. "Stockholm-Syndroms".
Trotz sexuellem Missbrauchs, körperlicher Gewalt und psychischer Manipulation fühlt sich Margaux immer mehr zu Peter hingezogen, hält die "Beziehung" geheim.
Ihre Schutzmechanismen sind für sie ein Spiel.
Sie entwickelt eine emotionale Abhängigkeit von ihrem Peiniger und wird sogar krank, als sie von ihm getrennt wird.
Selbst als Erwachsene hält sie den Kontakt aufrecht.
Erst mit Peters Selbstmord endet der Leidensweg von Margaux, erst da ist es ihr möglich, sich aus seinen Klammern zu befreien.
"Seit Peters Tod war mir, als erwachte ich aus tiefem Schlaf zum Geheul eines Hundes oder Wolfs draußen in der Wildnis. Als hätte ich etwas geträumt, das von Sekunde zu Sekunde blasser wird."

Die Geschichte ist leicht zu lesende, aber sehr schwer verdauliche Kost.
Fragoso bedient sich einer schönen Sprache, die voll im Gegensatz zum Inhalt ihres Buches steht.
Sie erzählt unverblümt. Ohne Rücksicht (vor allen Dingen auf sich selbst) beschreibt sie ihr Erlebtes, selbst vor sexuellen Details macht sie keinen Halt, auch wenn ihr dies besonders schwer gefallen ist, wie sie in einem Interview erzählt.
Mit "Tiger, Tiger" publiziert die Autorin ein Tabuthema, und zwar aus erster Hand.
Sie zeigt den Täter als Menschen, was beim Leser ein gewisses Unbehagen hervorruft, aber auch viel Stoff zum Nachdenken gibt.
Denn es wird sehr deutlich, mit welchen Methoden und wie viel Manipulation ein Pädophiler vorgeht.
Womit letztendlich auch die Frage beantwortet wird, warum ein solcher Missbrauch überhaupt vor den Augen von Eltern, Nachbarn und Behörden möglich ist.

Mich hat diese Autobiographie sehr berührt und aufgewühlt.
Ich frage mich, wie viele Narben die heute 34-jährige Autorin trotzdem zurückbehalten hat...Kann man sich wirklich alles von der Seele schreiben?
Ich hoffe sehr, dass es Margaux möglich ist, mit ihrer Vergangenheit zu leben ...
...und danke ihr für den Mut, dieses Buch zu schreiben!

Aenna