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Dienstag, 27. Mai 2014

REZENSION: "Das Mädchen mit den blauen Augen" von Michel Bussi

1980, kurz vor Weihnachten, stürzt ein Passagierflugzeug auf dem Flug von Istanbul nach Paris im Juragebirge ab.
Einzig ein kleiner Säugling überlebt, wie durch ein Wunder, diese furchtbare Katastrophe.
Zwei Familien erheben Anspruch auf das Kind, denn wie sich herausstellt, waren zwei Babys an Bord der Maschine.
Beides Mädchen und beide, fast auf den Tag genau, drei Monate alt.
Ist es Lyse-Rose de Carville, die überlebt hat, oder Emilie Vitral?
Wem wird die kleine "Lylie" mit den auffallend blauen Augen zugesprochen?
Irgendwann trifft ein Richter eine Entscheidung, aber richtige Beweise fehlen, letzte Zweifel bleiben - bei beiden Familien.

Für den Privatdetektiv Crédule Grand-Duc wird die Frage um die Identität des Mädchens 18 Jahre lang nicht nur zum gut bezahlten Lebensinhalt, sondern auch zu seiner persönlichen Obsession....

Allein schon das Cover ist es wert, sich dieses Buch genauer zu betrachten. Es hat mich irgendwie sofort gefesselt, und ich wusste, dass ich  Das Mädchen mit den blauen Augen  lesen muss...
Manchmal ist das eben so. Man lässt sich von seinen Gefühlen leiten, und in diesem Fall war es auch goldrichtig...

Michel Bussi beschreibt ein Szenario, das grausam ist. Er tut dies aber nicht direkt und mit voller Wucht, sondern lässt den Leser Schritt für Schritt selber dahinterkommen.
Dabei bedient er sich einer schönen Sprache und eines fast schon poetischen Stils.

Seine Charaktere wachsen uns dermaßen ans Herz, dass das Nachvollziehen ihres Seelenlebens zur Qual wird.
Angefangen von Crédule Grand Duc, der jahrelang besessen nach der Wahrheit sucht, des Weiteren zwei Großelternpaare, für die Lylie ein Teil Erinnerung an ihr eigenes verlorenes Kind bedeutet.
Da ist ihr Bruder, der vielleicht gar nicht ihr Bruder ist?
Und letztendlich Lylie selbst, aufgewachsen in eher bescheidenen Verhältnissen, aber möglicherweise doch vermögend?

Von Beginn an wartet diese Geschichte mit einer für mich unerhörten Spannung auf, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Schon mit den ersten Seiten kommen viele Fragen auf, und die Suche nach Antworten treibt uns unerbittlich durch die Lektüre.
Geschickt vermittelt uns der Autor die Sichtweisen der einzelnen Protagonisten, aber immer nur "häppchenweise", wobei Lylie lange im Hintergrund bleibt (was die Neugierde auf sie natürlich verstärkt).
Stück für Stück werden wir so zu einem Ende geführt, das überrascht und sprachlos macht.

"Das Mädchen mit den blauen Augen" hat mich beeindruckt und ist für mich ein Stück Literatur, das ich gerne weiterempfehle....
Bleibt zu hoffen, dass noch weitere Bücher des französischen Schriftstellers ins Deutsche übersetzt werden!

                                              


Kurz und knapp:
Faszinierendes und spannendes Familiendrama 


Donnerstag, 28. Februar 2013

REZENSION: "Wir sind doch Schwestern" von Anne Gesthuysen

Gertrud, Paula und Katty sind Schwestern und zusammen 282 Jahre alt.
Die drei treffen sich auf dem Tellemannshof, auf dem die Jüngste von ihnen, die 84jährige Katty, seit ihrer Jugend lebt.
Ein großes Fest steht bevor, denn Gertrud wird 100 Jahre alt, und das soll gebührend gefeiert werden.
Aber nicht nur die Vorbereitungen zu Gertruds Ehrentag beschäftigen die betagten Damen, auch ihre Erinnerungen an vergangene Zeiten werden wieder wach, was nicht zuletzt am Tellemannshof und seinem letzten Besitzer, Heinrich Hegmann liegt.
Erinnerungen, die nicht immer angenehm sind an Ereignisse, die noch immer schmerzen und die auch heute noch die eine oder andere Frage unbeantwortet lassen...

Anne Gesthuysen schreibt in ihrem ersten Roman "Wir sind doch Schwestern" die Geschichte ihrer drei Großtanten auf.
Sie beruft sich dabei auf alte, sich in Familienbesitz befindende Dokumente, auf mündliche Überlieferungen aus der Verwandschaft sowie auf ihre eigenen Erinnerungen.
Herausgekommen ist ein mitreißendes Werk, welches das lange Leben von drei Frauen widerspiegelt, die neben zwei Kriegen noch weitere, ganz eigene Katastrophen erlebt haben.

Geschickt verknüpft die Autorin Gegenwart und Vergangenheit.
So erleben wir die betagten Damen bei den Vorbereitungen zum Geburtstagsfest und können oft ein Schmunzeln nicht verhindern angesichts ihrer humorvoll genommenen Wehwehchen und Zipperlein, mit denen man sich im Alter so herumzuschlagen hat.
Die Methoden zur Bekämpfung derselbigen erlauben dagegen auch ein lautes Lachen...

Wir tauchen in die Gedankenwelt von Katty, Paula und Gertrud ein und lernen sie ebenfalls als junge Frauen kennen, die sich, entgegen der damaligen Zeit, bilden und auch eine eigene Meinung vertreten durften.
Jede für sich erleben wir als eine eine starke Persönlichkeit, die sich ihrem jeweiligen Schicksal zu stellen vermochte.
Und jede für sich hat mich mit ihrer Geschichte ganz stark beeindruckt, auch wenn das eine oder andere Detail fiktiv sein mag.
Und natürlich kreuzen sich auch die Wege der Schwestern im Lauf ihres Lebens, und hier wird dem Leser sehr stark und wohltuend deren gegenseitige Liebe und ihr Zusammenhalt bewusst - auch, wenn längst nicht jede alles über die anderen beiden weiß....

Anne Gesthuysen versteht es hervorragend, die damaligen Zeiten, wie sie eben waren, darzustellen, so dass ich beim Lesen die Bilder in schwarz-weiß vor Augen hatte.
Mit ganz viel Wärme bringt uns die Autorin ihre Protagonistinnen so nahe, dass man den Wunsch verspürt, diese persönlich kennen zu lernen.

Sicherlich ist es sehr schwierig, einen Roman über die eigene Verwandtschaft zu schreiben, erst recht, wenn es "delikat" wird.
Anne Gesthuysen meistert diese Schwierigkeit umsichtig und mit viel Respekt.
Der Autorin ist somit ein hervorragender Erstling gelungen, dessen ganz persönliche Note in jeder Zeile spürbar ist...


Kurz und knapp:
Warmherzig erzählte, faszinierende Familiengeschichte!


Aenna                               

                      

Freitag, 28. Dezember 2012

REZENSION: "Das Schweigen des Sammlers" von Jaume Cabré

Dass "Das Schweigen des Sammlers" ein besonderes Buch ist, habe ich von Anfang an gewusst.
Auch, dass ich es unbedingt lesen muß....
Das Cover zog mich magisch an, und ein erster Blick ins Buch bestätigte meine Vermutung, dass es sich um keine ganz einfache Lektüre handeln würde.
Allein die Handlung des Buches in ein paar Sätzen wiederzugeben, scheint fast unmöglich...

Es erzählt von den Abgründen der menschlichen Seele, aber auch von einer tiefen Freundschaft.
Wir erfahren die Geschichte eines ganzen Lebens.
Die Geschichte des Adrià Ardèvol, der in Barcelona aufwächst und schon als Junge fasziniert ist von Wissen, Sprachen und den Antiquitäten, die sein Vater Fèlix leidenschaftlich sammelt. Besonders eine wertvolle Geige aus dem 18. Jahrhundert hat es ihm angetan, und noch ahnt er nicht, dass ihn diese Geige und das Geheimnis ihrer Herkunft  sein ganzes Leben begleiten wird...

Und so ist  "Das Schweigen des Sammlers" nicht nur die facettenreiche Geschichte Adriàs, dessen ganz eigene Persönlichkeit den Leser zu seinem Verbündeten macht, sowohl schon im Kindes- als auch im Erwachsenenalter, unbeeindruckt von seinen zuweilen auch dunklen Seiten...

Es ist ebenso die Geschichte von 'Vial', dieser kostbaren alten Geige.
Einer Storioni, deren Entstehung wir mit dem Setzen des Samenkornes für den Baum, der schließlich das Holz für ihre Herstellung liefert, mitverfolgen können.

Auf faszinierende Weise verbindet Cabré diese beiden Geschichten, sogar über Jahrhunderte hinweg, so dass man als Leser aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.
"Der Zufall ist alles: Oder vielleicht ist nichts zufällig, sondern alles vorgezeichnet..." (Seite 828)

Auch wenn man sich zunächst durch die Erzählweise des Autors sehr verunsichert fühlt, denn es erfolgen irritierende Wechsel zwischen der ersten und der dritten Person sowie abrupte Szenenwechsel, die anfangs sehr verwirren.

So finden wir uns plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, neben der Haupthandlung in unzähligen kleinen Geschichten aus verschiedenen Epochen wieder, wobei jedoch jede für sich extrem fesselt...
Und schon bald erkennt der Leser die Zusammenhänge (oder glaubt es zumindest...) - und das begnadete Können Cabrés...
"Die historischen Ereignisse sind nun mal die Erklärung für das heutige Geschehen..." (Seite 354)
Davon abgesehen ist Cabrés Sprache schön und poetisch, passend zu dieser genialen Geschichte, die uns Leser gefühlvoll, berührend, aber auch humorvoll mit einer enormen Sogwirkung in ihren Bann  zieht.

Mit Bernat, dem lebenslangen Freund Adriàs und Sara, seiner großen Liebe, lernen wir zwei weitere sehr starke und prägende Charaktere kennen, die, wie alle Figuren in diesem Buch, vor dem Auge des Lesers regelrecht zum Leben erwachen.

Ich war unglaublich beeindruckt nach Beendigung dieses Buches, und mit den Erkenntnissen der letzten von insgesamt doch beachtlichen 840 Seiten verspürte ich sofort den Wunsch, diesen Roman noch einmal zu lesen.
Es ist ein Kunstwerk von einem Schriftsteller, der nicht nur mit Worten jonglieren kann, sondern auch in die Seele der Menschen zu blicken vermag.
Die hervorragende Übersetzung von Kirsten Brandt und Petra Zickmann tut das Übrige und verdient ebenfalls den größten Respekt!

"Das Schweigen des Sammlers" ist das ungewöhnlichste und beste Buch, das ich seit langem gelesen habe.

Kurz und knapp:
 Intelligent, faszinierend, ...überwältigend!


Aenna                                 




Donnerstag, 21. Juni 2012

REZENSION: "Die Schmetterlingsinsel" von Corina Bomann

Als ihre geliebte Großtante Emmely in England stirbt, tritt die Berliner Anwältin Diana Wagenbach ein schweres Erbe an.
Sie als letzte Nachfahrin der Tremaynes soll ein lang gehütetes Familiengeheimnis ergründen.
Ein alter Brief soll ihr erster Anhalt sein, welcher sie schließlich von "Tremayne House"der Gegenwart bis in das Jahr 1887 ins damalige Ceylon zurückführt.
So folgt Diana den Spuren ihrer Ururgroßmutter Grace, deren Wege sich irgendwann von ihrer Familie getrennt haben...
Was ist damals passiert? Und warum wurde so lange geschwiegen?

Das Buch "Die Schmetterlingsinsel" von Corina Bomann fällt zunächst durch seine aufwändige Gestaltung regelrecht ins Auge.
Der Buchschnitt ist mit pinken Schmetterlingen und Orchideen bedruckt, die Vorsatzseite ist dunkelpinkfarben, alles sehr stimmig auch mit der Covergestaltung.
Dieses Buch muss man in der Buchhandlung erst einmal in die Hand nehmen....

Auch die Geschichte selbst zog mich gleich in ihren Bann.
Ich liebe ja Familiengeschichten, und wenn sie auf verschiedenen Zeitebenen spielen, erst recht.

So erzählt uns auch Corina Bomann im Wechsel mit den Kapiteln zwei Geschichten, einmal die von Diana in der Gegenwart, zum anderen die der Schwestern Victoria und Grace im Jahr 1887.
Dabei zeichnet sie Charaktere und Schauplätze so gut, dass vor des Lesers Auge ein kleiner Film abläuft.
Sowohl die Atmosphäre des alten Herrenhauses als auch die prächtige Kulisse Sri Lankas werden uns sehr gut vermittelt.

"Die Schmetterlingsinsel" erzählt eine Geschichte, die zunächst durchaus fesselt, im weiteren Verlauf jedoch immer oberflächlicher wird.
Einige Passagen waren mir persönlich zu trivial und erinnerten eher an einen Kitschroman, einige Umstände fügten sich letztendlich gar zu gut in die Geschichte ein und wirken daher unglaubwürdig, anderes wird wieder allzu schnell abgehandelt.
Das finde ich wirklich sehr schade...
Ich hatte nach der letzten Seite das Gefühl, dass die Autorin ihrer eigenen, wirklich tollen Idee nicht gerecht geworden ist.

Wer also eine Lektüre mit Anspruch sucht, sollte sich hier eher zurückhalten.
Wer aber lediglich gut unterhalten werden will, ist mit der Schmetterlingsinsel gut bedient.

Aenna                                   

Dienstag, 27. März 2012

REZENSION: "Das Haus zur besonderen Verwendung" von John Boyne

Als der 16jährige Georgi im Jahre 1915 ein Attentat auf ein Mitglied der Zarenfamilie verhindert, ändert sich sein ganzes Leben.
Der aus sehr einfachen Verhältnissen stammende Junge ist plötzlich Mitglied in der Leibgarde des Zaren, um als Aufpasser für Alexei, dessen einzigen Sohn , zu fungieren.
Der Junge wächst ihm schnell ans Herz, und nicht nur er...
Auch an Anastasia, der jüngsten der vier Zarentöchter, findet er Gefallen.
Die beiden verlieben sich ineinander, halten ihre Liebe aber wohlweislich geheim.
Als jedoch 1917 Unruhen im russischen Reich auftreten, die zum Sturz des Zaren führen, trennen sich Georgis und Anastasias Wege....

Auch wenn ich "Der Junge im gestreiften Pyjama" als einen der beeindruckendsten Filme empfinde, den ich je gesehen habe, habe ich den irischen Autor John Boyne, aus dessen Feder das Buch dazu stammt, bisher als Schriftsteller nicht wahrgenommen.

Das tut mir leid. Sehr sogar, denn vorliegendes Buch desselbigen Autors
 "Das Haus zur besonderen Verwendung" ist auch eines der schönsten Bücher, das ich je gelesen habe....

John Boyne lässt Georgi selbst seine Geschichte erzählen, in zwei Erzählsträngen, die sich Kapitel für Kapitel abwechseln.
So lernen wir den jugendlichen Georgi kennen, den Bauernsohn, der mit 16 Jahren aus seinem Dorf Kaschin nach St. Petersburg und an den Hof des Zaren Nikolaus II. kommt.
Er berichtet von seinen Erlebnissen, seiner Liebe zur schönen Zarentochter Anastasia und auch seinen dunklen Seiten, die er nicht verleugnet...

Der Georgi der Gegenwart, mittlerweile 82 Jahre alt, bangt um seine Frau Soja, die im Sterben liegt.
Er lässt sein Leben vor unseren Augen Revue passieren und geht mit jedem Kapitel weiter in der Zeit zurück.
Schließlich treffen sich beide Geschichten und der Kreis schließt sich...

Der Aufbau des Buches in dieser Form ist absolut genial, und ich bewundere den Autor für diese Kunst!
Boyne schreibt ruhig, aber dennoch eindringlich in einer schönen Sprache, die den Leser einfach nur mitreißt.
Aber auch die Geschichte selbst übt einen starken Sog aus, berührt.
Sie lässt den Leser in sich eintauchen, aber mit Beenden der letzten Seite noch lange nicht wieder los.
Es ist nicht nur die Liebesgeschichte zwischen Anastasia und Georgi, sondern auch die geschichtlichen Hintergründe und das Schicksal der letzten russischen Zarenfamilie, die ganz sicher hierzu beitragen.

John Boyne hat starke Charaktere erschaffen, ganz nah ist uns natürlich Georgi, den wir die ganze Zeit begleiten, und der uns sein Leben, aber auch sein Leiden offenbart.

"Das Haus zur besonderen Verwendung" ist ein Buch, bei dem man sich wünscht, es möge nie zu Ende gehen.
Es ist ein Meisterwerk, das John Boyne da geschaffen hat...ein Autor, den ich ganz sicher nicht mehr aus den Augen verlieren werden...


Aenna                                      

Freitag, 27. Januar 2012

REZENSION: "Die wir am meisten lieben" von Nicholas Evans

Der kleine Tommy hat eine schwere Kindheit.
Er wächst bei Eltern auf, denen es schwer fällt, ihre Gefühle zu zeigen.
Seine über alles geliebte Schwester Diane, die Schauspielerin werden will, sieht er nur an den Wochenenden.
Schließlich muss er auch noch in ein Internat, wo er dem Spott seiner Mitschüler und den Schlägen mancher Lehrer ausgesetzt ist.
Als Diane in Hollywood Karriere macht und ihn dorthin mitnimmt, beginnt für Tommy ein neues Leben.
Doch sein Glück hält nicht lange an...

Noch als Erwachsener hängt ihm seine leidvolle Vergangenheit nach.
Jetzt, 40 Jahre später, ist er selbst Vater eines Sohnes.
Als dieser in Schwierigkeiten gerät, muss sich Tom seiner Verantwortung  und den bösen Geistern seiner Kindheit stellen...


"Die wir am meisten lieben" ist genau der richtige Titel für dieses Buch.
Es erzählt eine Familiengeschichte, beschreibt ein Drama und handelt doch von einer unermesslichen Liebe...

Nicholas Evans , der Autor des Weltbestsellers "Der Pferdeflüsterer", erzählt uns die Geschichte des kleinen Tommy in den 60er Jahren.
Sehr einfühlsam und anrührend gewährt er uns Einblicke in Tommys Welt, legt dessen Gedanken und Gefühle frei, lässt seine Leser eins werden mit dem kleinen Jungen, für den Cowboys und Western das Allergrößte sind.

Parallel dazu offenbart Evans uns die Geschehnisse um den erwachsenen Tom in der Gegenwart.
Er beschreibt einen Mann, der gezeichnet von seiner Vergangenheit ist, die er einst mit übermäßigem Alkoholkonsum zu bewältigen versuchte.
Als Folge davon muss er auf eine gescheiterte Ehe zurückblicken und nicht zuletzt auf das gestörte Verhältnis zu seinem eigenen Sohn Danny.
Nicholas Evans beschreibt seinen Protagonisten mit allen Facetten, manchmal möchte man gar nicht glauben, dass dieser Tom auch der kleine Tommy aus dem letzten Kapitel ist...
Nichtsdestotrotz ist mir auch der große Tom sympathisch, denn Evans gibt ihm viel Herz!

Die anderen Charaktere, wie beispielsweise Diane oder auch ihr späterer Ehemann Ray, werden ebenfalls hervorragend beschrieben. Ich habe sie förmlich vor mir gesehen, so wie sich auch die gesamte Handlung vor meinem inneren Auge abgespielt hat.

Ich las zwei Geschichten, und jede für sich war so fesselnd erzählt, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Trotzdem Evans Stil eher ruhig ist, vermag der Autor den Leser in seinen Bann zu ziehen.
Immer wieder hat er eine Überraschung für uns parat...
Sehr geschickt passt er die Ereignisse beider Erzählstränge aneinander an, lässt sie parallel zueinander ihrem jeweiligen Höhepunkt zustreben.
Ich strebte mit und konnte nicht abwarten, das Ende zu erfahren.

Letztendlich präsentiert Evans eine absolut perfekt konstruierte Geschichte, für die ich den Autor nur bewundern kann.
Und sie hat mein Herz berührt....

Aenna                                   


Ich bedanke mich herzlich bei "Blogg Dein Buch" und dem Verlag
Rütten & Löning für die Möglichkeit, das Buch zu lesen und zu rezensieren!

Mittwoch, 12. Oktober 2011

REZENSION: "Sterneneis" von Kristín Marja Baldursdóttir

Gunnur ist eine Frau in den Fünfzigern, von Beruf Psychiaterin.
Eines nachts wird in ihr Haus eingebrochen, was sie erst morgens nach dem Aufwachen bemerkt.
Die Vorstellung, im Schlaf von fremden Menschen beobachtet worden zu sein, schreckt sie dermaßen, dass sie in ihr Ferienhaus flieht.
Aber nicht allein!
Ihre Architektin drängt ihr die Betreuung ihrer Tochter Hugrún über das Wochenende auf, so nimmt Gunnur das aufsässige Mädchen mit.
Doch was soll sie mit der ihr fremden 14-jährigen anfangen?

Gunnur "reist" in die Vergangenheit und fängt das "Reh", wie sie Hugrún nennt, mit ihren Kindheitserinnerungen ein.

Meine Gefühle für "Sterneneis" schwankten bei der Lektüre des Buches beträchtlich...
Auf der einen Seite überzeugt die isländische Autorin Kristín Marja Baldursdóttir mit schönen Landschaftsbeschreibungen und mitreißenden Passagen, wenn sie Gunnur aus ihrem Leben erzählen lässt.
Dadurch, dass sie von sich in der dritten Person erzählt, lief vor meinen Augen ein kleiner Film ab, ich sah die "junge" Gunnur in ihren verschiedenen Lebensphasen ganz genau....

Andererseits schafft es die Autorin leider nicht, mich ihren Protagonistinnen der Gegenwart nahe zu bringen.
Das Verhalten Hugrúns empfand ich als unverhältnismäßig unverschämt und deshalb fast unglaubwürdig.
Ihre Sicht auf die Dinge wird weitgehend vernachlässigt und bleibt der Vorstellungskraft des Lesers überlassen.
Die Persönlichkeit der "alten" Gunnur blieb für mich eher undurchschaubar und auch unvollständig dargestellt.
Meine Vorstellung von beiden Frauen wurde teilweise abrupt durch den Text korrigiert, so dass sich mir des öfteren die Frage stellte, ob die Übersetzung evtl. nicht ganz glücklich gewählt wurde...
Ich hatte z.B. den Eindruck, dass die Autorin ihre Hauptprotagonistin  mit etwas mehr Humor gesehen hat...(?)

"Sterneneis" ist eine Geschichte über das Zusammentreffen und die Annäherung zweier problembehafteter Charaktere aus unterschiedlichen Generationen.
Eine wirklich gute Idee, wie ich finde. Doch leider hat mich die Lektüre des Buches mehr verwirrt als überzeugt.
Statt einer "runden" Geschichte sieht sich der Leser hier eher mit einer Vielzahl an Denkanstößen konfrontiert, ich hatte das Gefühl, ständig selber "analysieren" und Hintergründe suchen zu müssen....

Vielleicht lag ja genau das in der Absicht der Autorin, mir persönlich hat dieser Stil leider nicht so gut gefallen.  

Aenna                                  

Montag, 19. September 2011

Rezension: "Tagebuch eines Engels" von Carolyn Jess-Cooke

Plötzlich ist Margot tot und zu ihrem eigenen Schutzengel avanciert.
Damit muss sie erst einmal fertig werden.
Als "Ruth" wird sie noch einmal Zeuge ihres 42jährigen Lebens, angefangen bei ihrer Geburt....
Ihre Kenntnisse über das, was die Zukunft bereithält, verleiten sie natürlich zu dem Wunsch, die Lebensbahnen zu verändern und die Karten neu zu mischen.
Aber kann man das Schicksal wirklich beeinflussen? Und darf man das überhaupt?
Ruth steht vor schwierigen Entscheidungen und muss sich zudem noch gegen Margots Dämonen behaupten....

"Tagebuch eines Engels" hinterlässt bei mir zwiespältige Gefühle....
Das liegt sicher nicht am Schreibstil der Autorin, die mit vorliegendem Werk ihren Erstling präsentiert. Carolyn Jess-Cooke schreibt locker, flüssig, mitreißend...
Es liegt auch nicht an der Geschichte selbst. Die entspringt einer guten Idee...

Wir lernen Margot von Geburt an kennen, begleiten sie durch diverse Pflegefamilien bis ins Waisenhaus, wo ihr unglaubliches Leid widerfährt.
Gezeichnet von ihren Erlebnissen fällt es ihr schwer, Beziehungen aufzubauen, so erleben wir das Scheitern ihrer Ehe, ihr Versagen als Mutter, ihre Flucht in Drogen und Alkohol.

Margots Schicksal zog mich in seinen Bann, ich wollte unbedingt auch das Ende wissen, über das der Leser von Beginn an im Unklaren gelassen wird.
Wie Margot letztendlich ums Leben gekommen ist, erfahren wir erst zum Schluss...
Auch die Frage, ob Ruth das Schicksal von Margot ändern kann, hält den Leser gefangen.

Aber woran liegt es dann, dass ich nicht so recht warm werden konnte mit diesem Buch?
Es fällt mir schwer, dies exakt zu benennen.
Aus Ruths Sicht läuft Margots Leben vor unseren Augen ab. Ruth war früher Margot.
Dies sorgte bei mir zeitweise schon für einige Verwirrung.
Hinzu kommen eine Vielzahl von weiteren Engeln und auch Dämonen, die eine Rolle spielen.
Etwas zuviel des Guten für meinen Geschmack und teilweise auch ein bisschen kitschig....
Außerdem lenken sie vom Kern ab. Die Grundaussage der Geschichte kommt zu kurz, bleibt zu "schwammig" in der Ausführung.
Da wäre sicher noch mehr drin gewesen.

Carolyn Jess-Cooke hat mit ihrem ersten Werk viel Potential bewiesen, welches aber sicher noch ausbaufähig ist.
Auf jeden Fall lohnt es, diese Autorin im Auge zu behalten, auch wenn mich "Tagebuch eines Engels" nicht vollends überzeugt hat.

Aenna                                         

Sonntag, 5. Juni 2011

REZENSION: "Der Besucher" von Sarah Waters

Schon als Kind war Dr. Faraday, aus bescheidenen Verhältnissen kommend, fasziniert von Hundreds Hall, dem alten Herrenhaus der Familie Ayres.
Als er nun, fast 30 Jahre später und kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges, in seiner Eigenschaft als Arzt erneut das alte Anwesen aufsucht,  werden vergessen geglaubte Erinnerungen wach.
Doch der Besitz strahlt längst nicht mehr in altem Glanz.
Mrs. Ayres, mittlerweile Witwe, und ihre Kinder Roderick und Caroline, haben wirtschaftlich schwer mit den Folgen des Krieges zu kämpfen und können Hundreds Hall kaum halten.
Faraday freundet sich mit der Familie an und versucht, ihnen beizustehen.
Dann geschehen unheimliche Dinge in dem alten Haus...


Als ich das Buch "Der Besucher" von der britischen Schriftstellerin Sarah Waters das erste Mal in den Händen hielt, entfuhr mir ein begeistertes "Wow", zu schön ist einfach dieser Schutzumschlag mit seiner rauhen, riffligen Oberfläche, von dem geheimnisvoll wirkenden Motiv mal ganz abgesehen...
Entfernt man den Umschlag, verstärkt sich diese Begeisterung noch, denn auch auf dem Buchdeckel wurde ein Muster aufgebracht, das an eine alte Tapete erinnert. Wunderschön.

Sarah Waters lässt in ihrem Buch  ihren Protagonisten Dr. Faraday in der "Ich-Form" erzählen.
Die Geschichte nimmt einen recht langsamen Anlauf, und ich gebe zu, dass ich anfangs schon ungeduldig wurde, dass etwas passiert...
Auf ihre eigene, ruhige Weise nimmt sie dann doch an Tempo zu, steigert sich mit eher gedämpften Höhepunkten.
Dass der Leser trotzdem gebannt diese Geschichte verfolgt, liegt an der einzigartigen Erzählkunst der Autorin.
Mit einer schönen Sprache und durchdachter Wortwahl versetzt sie uns in die Nachkriegszeit Englands und in die mystische Umgebung des alten Herrenhauses.
Geradezu liebevoll beschreibt sie die Örtlichkeiten, fein zeichnet sie die Charaktere ihrer Protagonisten, die vor den Augen der Leser immer mehr Gestalt annehmen, ja geradezu wachsen. Auch ans Herz.
Die gesamte Lektüre wird getragen von einer Stimmung, die perfekt zum Geschehen passt und den Leser Seite für Seite durch die Geschichte trägt.
(Ein Lob hier auch an die Übersetzerin Ute Leibmann).
Über das "Unheimliche" in der Geschichte möchte ich lieber Stillschweigen bewahren, um potentiellen Lesern nichts vorweg zu nehmen...
Das Ende ließ mich nachdenklich zurück....mit dem Wunsch, das Buch noch einmal zu lesen......!

"Der Besucher" ist kein Buch, bei dem man vor Spannung die Luft anhält.
Es ist eine ruhige, aber durchaus fesselnde Geschichte mit mystischen Aspekten und sprachlich ein literarisches Meisterwerk.
Aenna                                 
                                                 

Samstag, 26. Februar 2011

Rezension: "Dornrose" von Jane Yolen

"Es war einmal, in fernen Zeiten, niemals oder nimmerdar, doch nie den besten aller Zeiten...da stand im Wald ein Schloss..."
So beginnt das Märchen, das Becca schon als kleines Mädchen von ihrer Großmutter Gemma erzählt bekommen hat. Unzählige Male hat sie seitdem die Geschichte von Prinzessin Dornrose gehört, Wort für Wort ist ihr im Gedächtnis geblieben. 
"Ich bin Dornröschen"
offenbart Gemma nun auf ihrem Sterbebett ihrer Enkelin und nimmt ihr das Versprechen ab, besagtes Schloß zu suchen...
Mit Gemmas Tod wird auch das Geheimnis ihrer Herkunft begraben. Bestürzt stellt die Familie fest, das sie nicht einmal Gemmas wirklichen Namen kennt, geschweige denn die Umstände, unter denen sie zu Kriegszeiten als Jüdin in die USA gelangt ist.
Becca hält ihr Versprechen, und mit den wenigen Hinweisen, die sie in einer alten Truhe ihrer Großmutter findet, begibt sie sich auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Familie.
Sie folgt den Spuren von Dornröschen...


In der ersten Hälfte des Buches erfahren wir abwechselnd kapitelweise zum einen das gegenwärtige Geschehen mit Becca als Protagonistin, zum anderen , nach und nach, Gemmas Version von "Dornröschen".
Dem Leser wird so ermöglicht, selbst zu kombinieren und Stück für Stück, gemeinsam mit Becca, die Geschichte zu verstehen.
Eine Geschichte, die uns zum Holocaust führt. 
Eine Geschichte, die uns in der zweiten Hälfte des Buches niemand besser erzählen kann als ein Zeitzeuge, ein Überlebender, den Becca ausfindig macht und dessen Erinnerungen abschließend für mehr Licht im Dunkel sorgen.
Wer bis hierhin noch nicht gefesselt ist von Jane Yolens "Dornrose", den packt es spätestens jetzt, wenn die Fakten in einem Stück und ungeschönt berichtet werden. Mit Ungläubigkeit und Entsetzten sieht der Leser all die Tatsachen bestätigt, die er doch lieber verdrängen würde. 
Er sieht sich den Gefühlen der Betroffenen ausgesetzt, die er niemals auch nur ansatzweise nachempfinden kann.
Er erkennt, wie nah die Geschehnisse für den Einzelnen noch sein können,  die für andere längst nur noch Geschichte bedeuten.
Trotzdem die Story von Becca und Gemma fiktiv ist (nur die Schauplätze gibt es wirklich), hat die Autorin es geschafft, ein authentisches Buch vorzulegen. Alles könnte auch so geschehen sein....
"Dornrose" wurde als Jugendbuch herausgegeben und ist als solches recht anspruchsvoll.
Yolens Schreibstil  sowie der geschickte Aufbau der Geschichte lässt das Lesen zu einem Genuss werden, und auch die Übersetzung finde ich sehr gelungen!
Das Buch hat mich persönlich ausgesprochen berührt und wird auch sicher noch eine Weile "nachhängen".
Der amerikanische Autor Jay Neugeboren schreibt über dieses Buch:
"Yolen kombiniert die Magie des Märchens mit dem Alptraum der Geschichte und schreibt so einen erschütternden und erschütternd schönen Roman."
Und damit trifft er es auf den Punkt, besser kann man es nicht beschreiben. 
"Dornrose" ist eines dieser ganz besonderen Bücher und bekommt meine uneingeschränkte Empfehlung!


                                                       
Aenna


Vielen Dank an den Berlin Verlag/Bloomsbury für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares!